Gentrification – Der Protest im Gewand der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft

Donnerstag, 9. Februar 2012, 19 Uhr; Nauwieser Neunzehn in Saarbrücken

Das Thema Gentrification ist salonfähig geworden. Dieser Protest, der die Aufwertung des Kiezes als Objekt der Kritik auserkoren hat, ist nicht als Relikt einer einstmaligen “treffenden” Kritik der bürgerlichen Verhältnisse zu sehen, sondern Selbstzweck zur Erhalt der eigenen ‘Szene’ Überhaupt versuchen die Proteste gegen Gentrifizierungsprozesse antikapitalistische Ressentiments zu mobilisieren und setzen diese gleichwohl voraus. Den radikal anmutenden konformistischen Rebellen (ob Arbeitermaxist, Autonomer oder Vertreter der politischen Klasse) des gallischen Dorfes ist eines gemein: Jeden Gedanken an Veränderung auf alle Zeit zu verhindern. Was sie allesamt verkennen ist, dass die kapitalistische Gesellschaft kein starres fixes Gebilde ist, sondern sich im ständigen Prozess befindet. Das Kapital, befindet sich ständig auf der Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten, die es zu erschließen gilt. Das es sich dabei um ein allgemeines und grundlegendes Prinzip in der warenproduzierenden Gesellschaft handelt wird als solches nicht erkannt und demgemäß auch nicht ins Zentrum der Beschäftigung gerückt. Doch statt eine Kritik zu formulieren, die das Kapitalverhältnis wirklich trifft, werden „Spekulanten“ und „Yuppies“ als erklärtes Feindbild gesetzt. Das ganze Laientheater hat sicher nichts mit einer Analyse der bürgerlichen Ökonomie zu tun oder gar mit einer radikalen Kritik. Diese müsste allein schon der Terminologie nach, die warenproduzierende Gesellschaft als Ganze in den Fokus der Kritik nehmen. Doch in dieser wirren Logik erscheinen, statt der gesellschaftlichen Synthesis selbst, „Heuschrecken“, „Multikonzerne“, Cocktailbars oder Öko-Läden als Problem. All das, was den Anschein gibt – oder auch tatsächlich der Grund sein mag, für Umzug, Zuzug, Abwanderung und damit einher: Verdrängung. Dem gälte es entgegenzuhalten, dass die fetischisierten Formen des Kapitalverhältnisses zu durchblicken sind und das auch tunlichst die Aufgabe der Kritik wäre. Ausgehend von Marx (MEW 23/100): „Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“ soll versucht werden eine Kritik der Stadtentwicklung im Kapitalismus, die keiner martialischen Rhetorik gegen sozial besser Gestellte, sondern eine materialistische Kritik der bestehenden Verhältnisse, die zwanghaft jene Form der Gewalt hervorbringt, in Anschlag zu bringen. Da sich allerdings die ‘radikale Linke’, bestehend aus Arbeitermarxisten, Ökolinken und Autonomen, statt eine treffende Kritik zu formulieren versucht mit zu Phrasen geronnen Parolen ‘Massen’ zu agitieren, bleiben sie den Problemen gegenüber ohnmächtig.  Im Vortrag soll zu Anfang die Bedeutung der Stadt im Kapitalismus skizziert werden um anschließend Gelegenheit zu bieten ein wissenschaftliches Gentrifizierungsmodell in Kürze zu erläutern. Primäres Ziel jedoch ist eine Kritik an linker Praxis und bürgerlicher Partizipation des Protests mittels der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu formulieren.

Der Referent David Hellbrück lebt in Saarbrücken und war bis zuletzt Redaktionsmitglied des Periodikum „ Der Letzte Hype“ aus Würzburg. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Das grosse Thier“. www.dasgrossethier.wordpress.com

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