Seit Ende September wird nicht mehr nur in den USA, sondern quer über den Globus unter dem Motto „Wir sind die 99 Prozent“ demonstriert. Während in New York die Wall Street besetzt wurde, zeigt man sich hierzulande genauso (un)einfallsreich: Man ist anscheinend zu blöde, sich selbst etwas einfallen zu lassen und springt auf den laufenden Zug auf. Wie in New York wird auch in Deutschland mächtig gegen „Bankster“, „Finanzhaie“ und „Bonzen“ gewettert und macht somit klar, dass man eine regressive Kapitalismuskritik einer progressiven lieber vorzieht: So kann man besser provokante und personifizierte Plakate schreiben und ist ja auch nicht so anstrengend. Daher werden auch weniger Ziele (Überwindung der Verhältnisse, Lösungansätze), sondern vielmehr Zielobjekte formuliert: Es geht gegen das internationale Finanzsystem. Irgendwie geht es auch gegen die Globalisierung. Und irgendwie ist der Kapitalismus auch nicht so knorke. Was die „Occupier“ eint ist ihr Schreien und Hassen. Sie haben nicht nur das Gefühl, die überwältigende Mehrheit zu sein (99%), sondern wissen auch ganz genau, dass die restlichen 1% den Weltfrieden verhindern und mit ihrer Geldgier den ProtestlerInnen, die sich selbstverständlich als FürsprecherInnen der Weltbevölkerung verstehen, das Geld aus der Tasche ziehen. Man steht so ganz in der Tradition anderer Verschwörungstheorien: Es gibt eine kleine Elite, welche die Welt beherrscht. Dieser Glaube eint die Protestierenden und ist bei der Bewertung des occupy-Protests von essentieller Bedeutung: Nur durch diese schwarz-weiß-Malerei ist es zu erklären, dass derart unterschiedliche Menschen und Gruppierungen zusammen kommen:
Deutschlandfahnenschwenkende DemonstrantInnen, die den Kapitalismus auf deutsche Weise zivilisieren wollen; nämlich Entfremdung ein für alle mal in der Volksgemeinschaft aufzulösen. AktivistInnen, die vor dem Brandenburger Tor für den Weltfrieden meditieren. (Antisemitische) VerschwörungstheoretikerInnen aller möglichen Art: andauernde Existenz des ‘Deutschen Reiches’; Glaube an angebliche „Iluminaten“; Arbeitsgruppen, welche die Neu-Untersuchung der historischen Ereignisse von 9/11 fordern und so weiter, und so fort. Statt ‘occupy’ könnte der Slogan der Demos auch ohne Probleme lauten: Die Masse ist alles, das Individuum nichts. Es stört die Protestierenden nicht, ganz im Gegenteil, in dieser Masse aufzugehen: Linke laufen neben Rechten oder verwenden die selben Parolen: „Keine EU-Diktatur“. Pazifisten laufen neben Menschen, die auch ‘Pazifist’ genannt werden möchten, aber gleichzeitig die 1% lynchen wollen. 
Mit einer emanzipatorischen Überwindung des Kapitalismus haben diese Proteste also nichts zu tun. Vielmehr wird das Ressentiment gegen eine angebliche Elite geschürt: Nicht der Staat ist der Feind, sondern die Banken. Die Protestierenden haben sich von der Macht der anderen und der angeblichen eigenen Ohnmacht dumm machen lassen (Adorno, minima moralia).
weiterlesen: Die Märsche der „Demokraten“.
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