Nach dem Mediendebakel von 2010, als DIE LINKE die große Verliererin der Bundespräsidentenwahl war, droht auch 2012 eine ähnliche Blamage. Während die Schlappe vor zwei Jahren überwiegend den rot-grünen Angriffen, DIE LINKE habe ihre DDR-Vergangenheit nicht richtig aufgearbeitet und wähle deshalb nicht Joachim Gauck, verschuldet war, handelt es sich beim eigenen Dilettantismus in diesen Tagen um reine Selbstdemontage.
Nach dem unsäglichen Ausschluss der Linksfraktion bei der gemeinsamen Kandidatensuche und -aufstellung der gauck’schen Riesenkoalition begann eine verzweifelte Kandidatensuche, die in Fragen der Peinlichkeit dem ZDF nach dem Gottschalk-Abtritt in nichts nach stand: „Der ist es, der soll es sein. Mist, jetzt hat er abgesagt.“ Zur Erinnerung: Nun soll Markus Lanz, dessen normale Sendezeiten zwischen 23:00 und 01:00 Uhr liegen, „Wetten dass…?“ zur prime-time moderieren: Für ihn ein persönlicher Aufstieg, für das öffentlich-rechtliche der Ausverkauf.
Kandidat Nummer Eins war der Kabarettist Georg Schramm, der von der Hamburger Parteijugend ins Gespräch gebracht wurde. Da bei der LINKEN zu diesem Zeitpunkt noch keine Namen gefallen waren, liebäugelte nun auch Oskar Lafontaine mit Schramm. Schnell lauteten die Überschriften von taz bis Welt: Linke und Piraten mit gemeinsamen Kandidaten. Doppelt ärgerlich und taktisch unklug: Zum einen wurde Schramm zuvor über Tage hinweg als Piraten-Kandidat gehandelt, sodass DIE LINKE lediglich zu einer Kleinspartei ins Boot gesprungen wär. Zum anderen beendete Schramm sein langes Schweigen glatt mit einer Absage.
Dem ersten Individualvorstoß folgte zwei Tage später Gesine Lötzsch mit Kandidatin Nummer Zwei: Beate Klarsfeld. Ob aus Naivität oder Profilierungsdrang ließ sie ihr Büro ohne vorherige Diskussion und Absprache mit dem Parteivorstand verkünden, dass sie sich Klarsfeld wünsche. Die als Antifaschistin bekannte Frau, die einst den Nazi-Kanzler Kiesinger ohrfeigte, hätte eine gute Alternative zum Pseudo-Bürgerrechtler und Geschichtsrevisionisten Gauck darstellen können. Zudem hatten im Voraus bereits einige Abgeordnete von Grüne und SPD verlauten lassen, dass sie Gauck nicht mitwählen werden. Klarsfeld wäre gerade auch in Zeiten von NSU-Terror stattdessen für sie sicherlich eine realistische Option gewesen und jede zusätzliche Stimme zu denen der eigenen Fraktion, würde für DIE LINKE bereits einen Erfolg darstellen. Doch nur kurze Zeit nach Klarsfelds Zusage, dass sie als Kandidatin zur Verfügung stehe, intervenierten bestimmte Kräfte der Partei. Überraschend wurden auf der gestrigen Sitzung des Parteivorstandes der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge und erneut die eigene Abgeordnete Luc Jochimsen ins Gespräch gebracht und die entgültige Entscheidung auf Montag vertagt. Nun kann man gespannt sein, für wen man sich am Montag letztendlich entscheidet. Doch fest steht jetzt schon: Das lange Hin-und-Her hat aus allen dreien bereits eine zweite Wahl wie Markus Lanz gemacht. Zuerst verzockt man sich, um sich danach bis auf die Knochen zu blamieren. Sollten sich am Montag jene Kräfte durchsetzen, die Klarsfeld aus ideologischen Gründen wie ihrer Israelsolidarität ablehnen, wäre es der erneute Beweis, dass das linke Boot mit der derzeitigen Führungsriege nicht nur in die falsche Richtung schippert, sondern bereits am Absaufen ist.
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