Zu Beginn dieses Jahres erregte das Buch „Die Jamaika-Clique“ von Winfried Voigt großes Aufsehen, nachdem es die Verstrickungen saarländischer Spitzenpolitiker aus CDU und FDP mit der Saarbrücker Burschenschaft Ghibellinia zu Prag, offenlegte. So übermittele bspw. der CDU-Generalsekretär Roland Theis Grußworte vom damaligen Ministerpräsidenten und Anwärter für das Amt des Verfassungsrichter Peter Müller. Sebastian Greiber, Vize-Landeschef der FDP, rief, „Die Flamme der Burschenschaft möge in unserem wunderschönen Saarland ewig brennen.“ und der Präsident der Universität des Saarlandes, Volker Linneweber, hielt gar die Festansprache: Die Ghibellinia sei „Vorreiter der künftigen akademischen Ausbildung“. Obwohl schon damals im Internet von verschiedenen Seiten auf das rassistische Gedankengut und antisemitische Vergangenheit dieser Burschenschaft hingewiesen wurde, sah die genannte Politprominenz anscheinend keinen Grund, die Ghibellinia nicht zu hofieren und finanziell zu unterstützen (CDU). Ein kurzer Blick ins Internet hätte gereicht um das geistige Umfeld, in dem sich die (…) Ghibellinia bewegt, so gut einordnen zu können, dass man sich als Demokrat von dieser nur distanzieren kann. (…) Jetzt wird ein pikantes Schreiben aus dem Kreis der Bundesbrüder öffentlich – und Klaus Meiser, Roland Theis und die FDP geben sich überrascht und entsetzt. Doch ersteres ist – mit Verlaub – nicht mehr glaubwürdig, letzteres dagegen überfällig.“ wie der SZ-Redakteur Johannes Kloth in einem Kommentar schreibt. Nachdem in einem Protokoll der Burschenschaft zur „Negerjagd“ in Namibia aufgerufen wird und bei einem fiktiven Progrom „zur Feier des Tages vier Neger gelyncht werden“, habe man plötzlich „nicht genau genug nachgeforscht“ (Roland Theis) und ist „erschrocken und überrascht“.
Antisemitische Vergangenheit
Gegründet wurde die Ghibellinia 1880 u.a. vom radikalen Antisemiten Karl Hermann Wolf in Prag. Dieser drohte 1897 den Abgeordneten im tschechischen Reichsrat: „Wir kommen wieder und schießen Euch wie Hunde nieder.“ 1920, also ganze 15 Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen, machte der Verfassungsausschuss des Dachverbandes der Ghibellinia, Deutsche Burschenschaft (DB), den Rassenantisemitismus zur Regel: „eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigem Weib [war bspw.] ausgeschlossen“. Für die Ghibellinia war die „Judenfrage“ damals jedoch schon lange kein Thema mehr, denn, wie der „liebe Bundesbruder Lutz Paulmann“ anlässlich des 125jährigen Bestehens der Burschenschaft 2005 euphemistisch zu berichten weiß, kam es bei den deutschen Volkstumskämpfern in Prag bereits 1887 zum „Auszug der Israeliten“. Der Einmarsch der Nazi-Wehrmacht in Prag 1939 und die Zerschlagung der tschechoslowakischen Republik wird von der Ghibellinia als Akt der Befreiung glorifiziert: „Der Einmarsch der deutschen Truppen befreite die Deutschen von einer ungeheueren Bedrückung“. Statt dieses Kapitel der antisemitischen Vergangenheit aufzuarbeiten hat vielmehr ein „Überfall von Tschechen“ auf den „Bundesbruder“, der „durch Messerstiche erheblich verletzt“ wurde, oberste Priorität. Über Jury heißt es weiter, er „sollte später großen politischen Einfluss gewinnen“. Über die Details der politischen Karriere Hugo Jurys schweigt man: Jury wurde bereits 1931 Mitglied der NSDAP, von 1936 bis 1938 war er stellvertretender Landesleiter der illegalen NSDAP in Österreich. Im Mai 1938 wurde er Gauleiter des Reichsgaues Niederdonau, ab 1940 zusätzlich Reichsstatthalter und ab 1942 auch Reichsverteidigungskommissar für dieses Gebiet. Im selben Jahr wurde Jury zum SS-Obergruppenführer ernannt. Er war u.a. für die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Reichsgau Niederdonau in die Vernichtungslager und die Mitverantwortung für die Ermordung von 61 politischen Häftlingen durch die SS am 7. April 1945 in Hadersdorf am Kamp verantwortlich.
Versteckspiel hinter Referenten
Gerne verweisen die Ghibellinen darauf, man habe keine rassistischen Publikationen veröffentlicht und leiste doch wichtige Bildungsarbeit an der Saarbrücker Hochschule. Das stimmt auch auf den ersten Blick: Schnell trifft man auf Partyeinladungen und Trainingsseminare für das Jura-Studium. Nimmt man sich jedoch die Referenten vor, welche seit etwa 10 Jahren an Vortragsveranstaltungen der Ghibellinia teilnehmen, bekommt man ein anderes Bild.
Zu nennen ist hier Reiner Günzel, den die Burschenschafter als „Fachkompetenz“ für den 15. Mai 2007 einluden und welcher „aufschlußreiche Informationen “ zum Thema Auslandseinsätze der Bundeswehr vermitteln soll. Fünf Jahre zuvor war der ehemalige Brigadegeneral in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden, nachdem er auf dem Briefpapier der Bundeswehr die antisemitische Rede Martin Hohmanns zum Tag der Deutschen Einheit gelobt hatte. Hohmann hatte ein Standardwerk der antisemitischen Literatur wie Henry Fords 1920 erschienenes Buch ‚The International Jew‘ ausdrücklich zur Grundlage seiner Überlegungen gemacht und daraus zustimmend zitiert. In der Rede wurde klar antisemitisch argumentiert, da eine angebliche Verbrechensbeteiligung von ‘Juden’ derjenigen von ‘Deutschen’ gegenüberstellt wurde. Des weiteren wird dem ‚jüdischen Volk‘ in seiner Gesamtheit ein kommunistisches Staatsverbrechen angelastet, mit dem Argument, viele Juden seien an ihm beteiligt gewesen. Ebenso hatte er 1995 gegenüber seinen Untergebenen folgenden Satz getätigt: „Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS“. Ebenso stellt er in seinem Buch „Geheime Krieger“ das KSK (Kommando Spezialkräfte) und seine Soldaten in die Tradition der Wehrmacht-Spezialdivision „Brandenburg“.
Gut ein halbes Jahr später lud die Ghibellinia „Rechtsanwalt Herrn Markus Beisicht“ ein. Dieser engagiere „sich bereits seit Studententagen politisch in seiner Heimatstadt Köln“. Beisicht soll „einen Einblick über die parlamentarischen und außerparlamentarischen Aktivitäten seiner [Bürgerbewegung pro Köln] geben“. Auf Beisichts politisches Engagement in der Studienzeit wird bei der Veranstaltungsankündigung nicht weiter eingegangen. Tatsächlich war Beisicht Mitglied im Ring Freiheitlicher Studenten, der 1977 von Mitgliedern der Kölner Burschenschaft Germania gegründet worden war. Das Amtsgericht Münster sieht in dieser Organisation „eine studentische Gruppe mit stark neofaschistischen Tendenzen.“ Des weiteren war Beisicht Mitglied der Kölner Stadtratsfraktion Deutsche Liga für Volk und Heimat (DLVH) und war später deren Landesvorsitzender in NRW. Mit der DLVH setzte Beisicht ein Kopfgeld von 1000 DM auf eine untergetauchte Asylbewerberin an. 2007 nahm Beisicht mit Politikern wie Rolf Schlierer (REP), Gerhard Frey (DVU) und Udo Voigt (NPD) an einer Konferenz rechtsextremer, deutscher Politiker und Mitgliedern der rechtsradikalen Fraktion Identität, Tradition, Souveränität im Europaparlament teil.
Weiterer Referent war Rolf Schlierer, Bundesvorsitzender der rechtsextremen Partei Die Republikaner. Schlierer sollte in seinem Vortrag der Frage nachgehen, ob Deutschland eine Rechtspartei brauche; seine Antwort kann sich jede/r aufgrund Schlierers politischem Hintergrund denken: In seiner Studienzeit wurde er Mitglied im Hochschulverband der NPD. Geschichtsrevisionismus gehört zu Schlierers politischen Engagement genauso wie Anti-Amerikanismus: „Das einzige, wovon die Bomben der amerikanischen Luftwaffe befreit haben, waren Leben, Hab und Gut der Bombenkriegsopfer.“
Im Juni 2006 kam es zu einem Vortragsabend mit Lutz Weinziger von der rechten FPÖ aus Österreich. Weinziger durfte an diesem Abend erklären, warum nach Haider ein Comeback seiner Partei möglich und notwendig sei. Weinzinger ist Mitglied der Burschenschaft Bruna Sudetia, welche wie die Ghibellinia zu Prag ebenso Mitglied im Ostdeutschen Bund ist.
Außerdem publizierte er in der Zeitschrift Die Aula, welche sowohl vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, als auch vom ehemaligen Informationsdienst gegen Rechtsextremismus als „rechtsextrem“ eingestuft wird. Geht es nach Weinzinger braucht „jede blonde, blauäugige Frau, das heißt, jede Frau mit deutscher Muttersprache, (…) drei Kinder, weil sonst holen die Türkinnen [die Österreicher] ein“.
Weiterer Referent war Bernd Kallina, Redakteur des Deutschlandfunks . 1973 war er Pressereferent der Jungen Nationaldemokraten und Funktionär der NPD. Neben seiner Rundfunkarbeit publiziert er in den rechtsextremen Zeitschriften Nation und Europa, Witikobrief, Die Aula, Deutsche Militärzeitschrift und Preußische Allgemeine Zeitung. Zudem ist er Mitglied der rechtsextremen Münchner Burschenschaft Danubia, welche Nazischlägern im Burschenschaftshaus Unterschlupf gewährte und Holocaustleugner einlud. Außerdem ist er Referent bei der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (SWG), welche der Auffassung ist, die Wehrmacht sei keine „verbrecherische Organisation“ gewesen.
FDP-Kontakte
Die meisten Ghibellinia-Verstrickungen auf Politikebene weist die FDP auf. Zwar bemüht man sich in diesen Tagen scheinheilig um Distanzierung und rechtfertigt sich mit Unwissenheit über das Gedankengut der Ghibellinia, doch dies dürfte aufgrund der vielfältigen Kontakte mehr als unglaubwürdig sein: Der Ghibelline Dominique Rossi, der scheinbar auch für die rechte Zeitung Junge Freiheit schreibt, ist Mitglied im Vorstand eines FDP-Ortsverbandes in Saarbrücken. Der aktuelle FDP Wirtschaftsminister des Saarlandes, Christoph Hartmann, zählte ebenso zu den Referenten der Ghibellinia; dass er sich dabei in einer Reihe mit Rechtsextremen befindet, störte ihn offenbar nicht. Die Liste lässt sich fortsetzen: Der aktuelle Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Rainer Brüderle, referierte ebenso als rheinland-pfälzischer Wirtschaftsminister über „Grundsätze der aktuellen Politik“; auch ihn störte das Umfeld der Ghibellinia nicht. Die FDP pflege „in keiner Weise eine besondere Nähe zur Ghibellinia“ meint der stellvertretende FDP-Landeschef Sebastian Greiber; wie er das bei dieser Vielzahl von Verstrickungen erklären will, bleibt ihm überlassen.
Unglaubwürdige Erklärungsversuche
CDU und FDP müssen sich nun fragen, wieso man auf dem rechten Auge blind war oder sich dieses bewusst zuhielt. „Wenn wir heute beklagen, daß Ellenbogenmentalität und Egoismus die Gesellschaft bestimmen, dann muß man dankend anerkennen, daß [die Ghibellinia] seit unzähligen Generationen ein solidarisches Miteinander vorlebt.“; diese Zeilen stammen aus dem schriftlichen Grußwort Peter Müllers. Mittlerweile ist man bei der CDU der Auffassung, man habe „nicht genau genug nachgeforscht“. Die Linke „sollte sich schämen, daß sie eine Verbindung wie die Ghibellinia unter Extremismusverdacht“ stellt, posaunte Roland Theis bei der Spendenübergabe seiner Saar-CDU; mittlerweile spricht er von „abstoßendem und widerlichem Gedankengut“. „[Ich] werde (…) dort bestimmt nicht mehr auftreten“ teilte Greiber vor zwei Tagen der Presse mit; zu Beginn des Jahres ermunterte er die Ghibellinen noch, sich stärker einzubringen um das „Feld nicht den Linken“ zu überlassen. Und Volker Linneweber will Einladungen der Ghibellina in Zukunft nicht mehr annehmen und besser recherchieren…
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Hinweis: Bereits vor einigen Monaten verfasste ich einen Reader zu den rechtsextremen Referenten der Ghibellinia; diesen habe ich in diesem Artikel in großem Maße wieder aufgegriffen. Für den Part über die Geschichte in Prag verwendete ich einen Reader der saarländischen Antifa. Politiker-Zitate stammen größtenteils aus der Frankfurter Rundschau und der Saarbrücker Zeitung. Bei Fragen zu den Quellen stehe ich gerne zur Verfügung. Zeitliche- und inhaltliche Angaben zu den Vortragsveranstaltungen der Ghibellinia stammen größtenteils von der Website der Burschenschaft; der überwiegende Teil dieser Angaben ist im Internet nicht mehr aufrufbar, jedoch durch screenshots dokumentiert.
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